PETER SEELIG, Flâneries solitaires

Peter Seelig 'Code blue, Piazza San Marco Venice' 2009
Eine der Revolutionen, die die Moderne mit sich gebracht hat, ist die Dynamisierung des Blicks. Als wesentlicher Motor dieses Prozesses gilt die Großstadt. In ihrem Überangebot an Vielfalt umfängt sie ihre Bewohner und drängt sich ihnen in aller Wucht auf. Die Flaneurs der historischen Avantgarde als genaue Beobachter der neuen Zeit, begannen, den Fokus bisweilen schamlos auf die nicht-repräsentativen Details zu richten. Dinge, die vorher nicht abbildens- oder beschreibenswert gewesen waren, gerieten so seit dem 19. Jahrhundert ins Zentrum der künstlerischen Aufmerksamkeit. Peter Seelig ist jemand, der mit einer starken Affinität zur Klassischen Moderne in dieser Tradition steht.
Stationen seiner diesjährigen Reise durch europäische Metropolen hat der Künstler, der übrigens fast permanent alles Gesehene skizziert, spontan fotografisch festgehalten. Durch aufwändige digitale Nachbearbeitung erreicht er die Verfremdung des Materials, die mit einer Entfremdung vom ursprünglich abgelichteten Objekt einhergeht. Die Wirklichkeit in ihrer so deformierten Form gewinnt Distanz, gerinnt damit zum visuellen Konzentrat, in dem Gefühltes sichtbar wird.
Auf diese Weise porträtierte Peter Seelig eines der berühmtesten Touristenziele der Welt, den Markusplatz, in ‘Code blue, Piazza San Marco, Venice’. Von der zentral platzierten Rückenfigur, einer schlendernden Passantin, bleibt eine blaue Markierung, die jeden Moment -so scheint es- in dem gelbgrünen Farbgemenge untergehen wird. Hier bedient sich der Autor des Repoussoirs, als klassischer Bildstrategie. Die anonyme Stellvertreterin zieht uns, die Betrachter, in die Erlebniswelt des Bildes hinein. Indem wir uns fragen müssen, welche Geschichte der Figur in den farbigen Nebelschleiern wohl widerfährt, gewinnt hier die Idee von Venedig, das durch seine massenhafte Reproduktion zur markant-kitschigen Kulisse verkommen ist, eine gewisse Autonomie des geheimnisvoll Entrückten und des Poetischen zurück.

Peter Seelig, 'YellowRed-circuit, Seine de Danse, Paris', 2009,
Ebenfalls ungewöhnliche Bilder jenseits der Klischees gelangen dem Liebhaber von zeitgenössischen Theater und modernem Ausdruckstanz in Paris. ‘YellowRed-circuit, Seine de Danse,Paris’ ist ein Schnappschuss der während des Pariser Tanzfestivals, das zum großen Teil performativ den öffentlichen Raum erobert, entstand. Auch hier ist Körperlichkeit, Bewegung Bildthema. Die Gestalten sind erahnbar, auf das Wesentliche reduziert hin zur Ausdrucksqualität transformiert.

Peter Seelig, 'There used to be ghosts in Venice', 2009
Den beiden Arbeiten ‘There used to be ghosts in Venice’ und ‘Paris nuit rouge’, liegen Fotos von Schaufensterpuppen zu Grunde. Jenen Figurinen, deren surreales Schattendasein Künstler von Eugène Atget angefangen über Hans Bellmer hin zu zeitgenössischen Positionen provoziert. Das Fetischhafte, die Ware wird bei Peter Seelig jedoch nicht explizit vorgestellt, sondern verschwimmt zu einer rätselhaften Stimmung. Aggressiv farbig, einander kontrastierend, drängt die Geisterarmee bedrohlich aus dem obskuren Bildraum heraus. Wie die Sektion einer unbekannten Spezies erscheint hingegen ‘Paris nuit rouge’. Unser Blick tastet sich durch mysteriöse organisch erscheinende Höhlengebilde, landet in einem Netz aus Verästelungen. Man würde gern mehr sehen, seinen Voyeurismus ungezügelt befriedigen, wo man an hermetische Grenzen der Zeichen stößt und beginnt, diese befragen zu wollen. Was bleibt, ist die Sehnsucht. Diese, die sich beim Bildbeschauer einstellt, wenn er ganz verstehen und ergründen möchte. Und jene, die das unstete rastlose Dasein des getriebenen Flaneurs antreibt, sich auf das Abenteuer Sehen, Entdecken immer wieder aufs Neue einzulassen.

Peter Seelig, 'Paris nuit rouge', 2009
Peter Seelig ist 1948 in Wien geboren, wo er lebt und arbeitet. Die turbulenten Jahre 1968/69 verbrachte er in Paris und besuchte als Schwarzhörer die Akademie. Er begann, Mathematik und Physik zu studieren und gab damit seinen ursprünglichen Plan, Künstler zu werden auf. Als Software-Entwickler im AKH, widmete er sich der Kunst eher sporadisch. Seit 2004 widmet sich Peter Seelig wieder intensiv seinem Schaffen und bestreitet kontinuierlich Ausstellungen in Österreich und Italien.
Kunstmesse Salzburg: 13-15. November, VERNISSAGE: 12. November 2009, 19.30 Uhr
Bank Austria, Schubertring 14, 1010 Wien, 11-23. Dezember, VERNISSAGE: 10. Dezember 2009, 18 Uhr
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